Briefe und Tagebücher

des

Fürstbischofs von Ermland

Joseph von Hohenzollern.

Herausgegeben
von
Prof. Dr. Franz Hipler,
Regens des Priesterseminars in Braunsberg.
Braunsberg, 1883.
Druck und Verlag der Ermländischen Zeitung,- und Verlagsdruckerei
(J. A. Wichert).
Paulum sepultae distat inertiae
Celata virtus ; non ego te meis Chartis inornatum sileri
Totve tuos patiar labores.
Hor. carm. IV. 9, 29.
This little world, this earth, this realm, this ... land !
Shakespeare, Richard III. II, 2.


V
orwort.

Zu den hervorragendsten Kirchenfürsten, welche den Stuhl der Bischöfe von Ermland geziert haben, gehört ohne Frage Prinz Joseph von Hohenzollern. In ereignissreicher, vielentscheidender Zeit zur Leitung der ermländischen Kirche berufen, hat er nicht bloss in seinem eigenen Sprengel durch die Schöpfungen seiner gränzenlosen Mildthätigkeit und erleuchteten Hirtentreue ein segensreiches Andenken hinterlassen, sondern auch durch seine weitverzweigten Familienverbindungen, sein leuchtendes Vorbild und seine rastlose Thätigkeit bei der Vollstreckung der päpstlichen Circumscriptionsbulle für die preussischen Bisthümer geschichtliche Bedeutung gewonnen. Wenn gleichwohl seine Persönlichkeit und seine Verdienste im Ganzen wenig bekannt oder früh vergessen wurden, so ist das zum guten Theil der seltenen Bescheidenheit und Demuth des Verewigten zuzuschreiben, der im Leben die Zurückgezogenheit und Einsamkeit liebte und in seinem letzten Willen die Vernichtung seines ganzen literarischen Nachlasses, insbesondere auch seines umfangreichen und inhaltsvollen Briefwechsels, anordnete. So ist es gekommen, dass wir, von einigen kleineren, wenig verbreiteten und längst vergriffenen Arbeiten abgesehen, ein den heutigen Anforderungen entsprechendes Lebens- und Charakterbild dieses liebenswürdigen und verdienstvollen Mannes noch immer vermissen. Und doch war das Material dazu keineswegs, wie es den Anschein hatte, gänzlich zu Grunde gegangen, sondern es hatte sich, gleichwohl in alle Winde zerstreut, in zahlreichen Briefen an Freunde und Bekannte, die von den Adressaten sorgfältig aufbewahrt waren, sodann in den Studienbüchern und endlich in den amtlichen Erlassen des Fürst-bischofs von Ermland, trotz aller Verluste immerhin noch in solcher Fülle erhalten, dass eine Sammlung und Veröffentlichung desselben die darauf verwendete Mühe wohl zu lohnen verhiess.
Hier liegt nun das Resultat meiner diesbezüglichen, viele Jahre hindurch bei jeder passenden Gelegenheit fortgesetzten Nachforschungen vor. Es umfasst in der ersten Abtheilung die sämmtlichen noch erhaltenen Privatbriefe und von den Hirtenbriefen diejenigen, welche, bei ausserordentlichen Vorfällen erlassen, den Stempel des Individuellen und Eigen-


VI
        Vorwort.

artigen in ausgeprägter weise an sich tragen. Man wird bei der Lesung dieser ersten Abtheilung unwillkürlich gewahr werden, dass der Verfasser dieser Briefe darin die Geschichte seines Episkopates und seines Herzens in einer Weise nieder-gelegt hat, wie sie in Bezug auf Tiefe des Gefühls, Wahrheit der Empfindung, Offenheit der Aussprache und Vollendung der Form nur in wenigen Briefbüchern neuerer Zeit zu Tage tritt.
Die zweite Abtheilung enthält zunächst Auszüge aus den Tage- oder, wenn man lieber will, Studien-Büchern des Verewigten, welche, in zwei starke Octavbände gebunden, im Aeussern von den übrigen Werken seiner Bibliothek sich nicht unterschieden und daher der Vernichtung seines literararischen Nachlasses entgangen sind. Bei ihrem Nieder-schreiben hat offenbar jeder Gedanke an eine spätere Publication durchaus ferne gelegen; sie sollten zur eignen Orientirung und gelegentlich auch zur Belehrung Anderer dienen und die Ergebnisse ernster Studien und eignen Nachdenkens in aphoristischer Form, ohne
Datum, fixeren, weshalb denn auch nicht ein vollständiger Abdruck dieser ungeordneten, umfangreichen Aufzeichnungen, sondern nur eine Auswahl dessen, was nach Form oder Inhalt das Gepräge der Selbstständigkeit an sich trug, und zwar nach gewissen Kategorien geordnet, aber ohne Veränderung der chronologischen Reihenfolge, angezeigt erschien. Die darauf folgenden Regesten geben ein Bild von der für jene Zeit seltenen Rührigkeit und Allseitigkeit, mit welcher sich Joseph von Hohenzollern die verschiedenen Zweige seines Hirtenamtes angelegen sein liess und mögen einstweilen den Mangel einer Sammlung seiner oberhirtlichen Verordnungen, die an vielen Orten zerstreut sich vorfinden, ersetzen. Der Anhang endlich bietet eine Reihe von Schriftstücken, welche ebenso zur Erläuterung und Ergänzung der Briefe und Tagebücher dienen sollen, wie die voraufgeschickte Einleitung die Aufgabe hat, in das Verständniss derselben durch ein möglichst treues Bild von dem Leben und Wirken des Fürstbischofes von Ermland und seiner Zeitgenossen näher einzuführen.
Und so möge denn diese
Sammlung in Gottes Namen sich auf den Weg machen, den Gönnern und Freunden, welche mit Rath und That dazu beigesteuert, meinen herzlichen Dank, den Lesern aber meinen besten Gruss und reichen geistigen Gewinn bringen.
Braunsberg, 3. April 1883.
F. Hipler.
Einleitung.
Mitten im Schwabenlande, dort wo an der südlichen Gränzmark des neuen deutschen Reiches auf steilem Felsen die Zollernburg sich erhebt, unfern des Hohenstaufen, an welchen so viele vaterländische Erinnerungen sich anknüpfen, stand die Wiege eines Geschlechtes, das wie wenige im Laufe der Jahrhunderte sich ausgebreitet, Macht und Ansehen, Güter und Besitz gewonnen und in unsern Tagen dem neuen deutschen Kaiserthum seinen ersten Schirmherrn gegeben hat. In deny Jahrbüchern der Völker- und Kriegsgeschichte werden viele hervorragende Mitglieder dieses edlen Hauses mit Ehren genannt; aber auch die Kirche zählt unter ihren Heiligen einen Sprossen des Hohenzollerngeschlechtes, den h. Meinrad, den Begründer des weltberühnten Gnadenortes Maria-Einsiedeln. Und nach ihm entstammten viele andere Diener des Heiligthums demselben Hause: einfache Mönche und reichbegüterte Prälaten, still und verborgen wirkende Priester und einflussreiche Kirchenfürsten; unter ihnen einstweilen als der letzte, wenn auch nicht als der geringste last not least — der Fürstbischof von Ermland Prinz Joseph von Hohenzollern, dessen Briefe und Tagebücher hier zuerst der Oeffentlichkeit übergeben und durch eine kurze einleitende Orientirung über sein Leben und Wirken dem allgemeinen Verständnisse mehr erschlossen werden sollen.
Joseph Wilhelm Friedrich Reichsgraf von Hohenzollern-Hechingen, am 20. Mai 1776 zu Troppau im östreichischen Schlesien geboren, war der älteste Sohn seines gleichnamigen Vaters, welcher sich mit der Gräfin Ernestine von Sobeck-Kornitz vermählt hatte und im J. 1812 im Alter von 86 Jahren als kaiserlich östreichischer Cavalleriegeneral zu Brünn starb. Wie seine beiden jüngeren Brüder Hermann und Karl, welche später Generalmajore, der eine in preussischen, der andere in bairischen Diensten wurden, so wollte auch Joseph ursprünglich Soldat werden und kam deshalb, nachdem er die erste sorgfältige Erziehung im elterlichen Hause in Wien genossen hatte, als neunjähriger Knabe auf die Militärschule

Carl von Hohenzollern.        XIX

nach Stuttgardt. Allein die Traditionen seines Hauses, wonach aus jeder Generation wenigstens ein Mitglied sich dem Dienste der Kirche zu widmen pflegte, lenkten, als seine Brüder dazu keine Lust zeigten, seinen Sinn seit dem 14. Lebensjahre auf den geistlichen Stand. Durch die Verbindungen seines Hauses erhielt er deshalb nach damaliger Sitte durch das Collations-Patent vom 8. November 1790 eine durch das Ableben des Domherrn von Starczynski erledigte Domherrnstelle bei der Kathedralkirche zu Breslau und begab sich bald darauf zu dem Bruder seines Vaters, der seit dem Jahre 1785 Bischof von Culm war und als solcher in der altehrwürdigen Cistercienserabtei Oliva bei Danzig seine Residenz hielt.
Bei dem grossen Einfluss, den der bischöfliche Oheim auf die Erziehung und späteren Geschicke des talentvollen, vielversprechenden Brudersohnes gehabt hat, erscheint es geboten, bei diesem Manne und seinem Lebenswege etwas länger zu verweilen.
„Hermanus Fridericus, Graf zu Hohenzollern-Hechingen, geboren den 11. Januar 1665, war in der Jugend der beiden hohen Domstifter zu Kölln und Strassburg Kanonikus, wurde nachmals Kaiserlicher Generalfeldzeugmeister und Oberkommandant der österreichischen Stadt und Festung Freiburg im Breisgau ; endlich erhoben zur höchsten Ehrenstelle als Kaiserlicher Generalfeldmarschall anno 1723, starb in gedachtem Freiburg an einem Aposthem auf der Brust als ein vollkommenes Exemplar wahren Heldenmuthes, Tugend und Frömmigkeit, anno 1733 den 23. Januar
. So lautet die Aufzeichnung der Familienchronik über den Vater Carls, den Grossvater Josephs von Hohenzollern. Aus der zweiten Ehe mit Maria von Oetting-Wallerstein-Spielberg wurde ihm in Freiburg als das letzte seiner zwölf Kinder am 25. Juli 1732 ein Sohn geboren, der in der h. Taufe die Namen: ,,Johannes Nepomucenus, Carolus, Ludovicus, Josephus, Ignatius, Aloysius, Jacobus
erhielt, in der Familie aber nach der damals in Deutschland hergebrachten Sitte oder vielmehr Unsitte Charles genannt wurde. Nachdem er die erste Erziehung im Hause der Mutter erhalten, beschloss er sich der militärischen Laufbahn zu widmen und trat als junger Mann in die Dienste der französischen Armee, deren Ruhm seit den Tagen Ludwigs XIV. seinen Glanz noch behauptet hatte. Aber der siebenjährige Krieg machte alsbald die Schwächen der französischen und der Reichsarmee offenbar, und das seltene Genie und Kriegsglück des ihm verwandten Königs von Preussen liessen es ihn bedauern, nicht lieber in dessen

XX        Einleitung.

Dienste getreten zu sein. „Ich selbst
, so sprach er später als Bischof in der am 10. September 1786 zu Berlin gehaltenen Trauerrede auf Friedrich den Grossen, „ich selbst, der ich zu jener Zeit als unser Friedrich siegte, bei einer fremden und wider Preussen streitenden Macht in Diensten war, bin ein Zeuge der Wunder und Kriegskunst unseres Friedrichs: er kam, er sah und überwand”. Freilich war dem jungen französischen Officier der Schmerz erspart geblieben, gegen seine Landsleute zu fechten, allein der Gedanke, dass er in diese Lage hätte kommen können, und die Niederlage, die Frankreich bei Rossbach erlitten, veranlasste ihn noch vor Beendigung des siebenjährigen Krieges seinen Abschied zu nehmen und als Capitain aus der französischen Armee zu scheiden. In nähere Beziehungen zu Friedrich dem Grossen getreten, hegte er anfangs den Wunsch in das preussische Heer aufgenommen zu werden; da das aber in militärischer Hinsicht Schwierigkeiten hatte, so soll ihn der König selbst auf den geistlichen Stand hingewiesen und ihm für den Fall, dass er in denselben eintrete, sofort ein Kanonikat in der eben eroberten Provinz Schlesien in Aussicht gestellt haben. Carl ging auf diesen Vorschlag ein, und wie sein Vater aus einem Kanonikus ein Feldmarschall geworden, so wurde er umgekehrt am 26. Juli 1771 aus einem Dragoner-Officier Domherr von Breslau, nachdem er schon im Jahre 1763 die ersten hh. Weihen erhalten hatte. Als dann im Jahre 1772 durch die erste Theilung Polens Westpreussen und Ermland an Preussen fiel, glaubte der staatskluge Friedrich II. in seinem geistlichen Herrn „Vetter”, wie er ihn zu nennen pflegte, eine geeignete Persönlichkeit zu besitzen, um die meist katholische Bevölkerung jener neu erworbenen Landestheile mit ihrem Loose und der Herrschaft eines protestantischen Königshauses auszusöhnen. Er verschaffte daher dem Domherrn von Breslau auch ein Kanonikat im Bisthume Culm und bewog den dortigen Bischof Andreas Bayer ihn im J. 1777 zu seinem Coadjutor mit dem Rechte der Nachfolge anzunehmen. Ebenso wusste er es durchzusetzen, dass der h. Vater ihn am 23. März 1778 zum Bischof von Dibona im Lande der Ungläubigen (in Arabien) ernannte, und er gratulirte ihm, nachdem er am 4. October 1778 in Oliva die bischöfliche Weihe erhalten hatte, in einem sehr herzlichen Schreiben zu dieser neuen Würde, indem er mit folgenden eigenhändigen Worten schloss: „Es lebe der Coadjutor von Culm, gesegnet vorn Papste, gesegnet von seinem Bischofe, gesegnet von ganz Preussen. Als bald darauf auch die

Carl von Hohenzollern.        XXI


Cisterzienserabtei von Pelplin und später auch die von Oliva durch den Tod ihrer Inhaber vakant wurden, erhielt Carl in den Jahren 1779 und 1782 auch diese wichtigen und reichen Pfründen, wurde gleichzeitig am 1. Juli 1781 zum Protektor des katholischen Schulwesens in der Provinz Preussen, oder, wie man es nannte, zum Chef des Königl. Schuleninstitutes ernannt und bestieg nach Bayer
's Tode am 31. Januar 1785 den bischöflichen Stuhl von Culm, den er zehn Jahre später mit dem Bisthume von Ermland vertauschte. Von hier war nämlich der als polnischer Dichter berühmte Fürstbischof Ignatius von Krasicki auf das Erzbisthum Gnesen versetzt worden, und auf den Wunsch Friedrich Wilhelm II., der seinem bischöflichen Vetter sehr gewogen war und ihn am 25. September 1786 eigenhändig in Oliva mit dein schwarzen Adlerorden dekorirt hatte, wählte ihn das ermländische Domkapitel am 16. Juli 1795 zum Oberhirten für Ermland, worauf ihn der h. Vater als solchen am 18. December desselben Jahres präconisirte. Allein nur selten haben die Ermlander diesen ihren Bischof unter sich gesehen. Schon seit seiner Uebersiedelung nach Preussen wohnte er meistens in der au der Ostsee schön gelegenen und sehr geräumigen Abtei Oliva und behielt diese Residenz auch als Bischof von Culm und Ermland bei, so dass er nur ab und zu einmal auf kurze Zeit nach Culmsee und später nach Frauenburg herüberreiste und auch nur selten bischöfliche Amtshandlungen vornahm. Er überliess dieselben meistens ebenso seinen Weihbischöfen, wie die Diöcesanverwaltung seinen sehr tüchtigen Generalofficialen, die mit seiner Zustimmung in Culm wie in Ermland Generalvisitationen abhielten und manche sehr heilsame Einrichtungen trafen. Bieder, leutselig, gastfrei, in seiner Weise auch persönlich religiös gestimmt und seiner Kirche treu ergeben, hatte er doch zu lange im Militärstande zugebracht und zu kurz und oberflächlich auf das Priesterthurn sich vorbereitet, um, zumal in jener für die Kirche überhaupt so traurigen Periode, für die Aufgaben seines hohen Amtes das volle Verständniss zu besitzen. Auch als Bischof verkehrte er gern und vorzüglich mit Officieren und dem hohen Adel der Provinz, während der Diöcesanklerus sich nur selten in Oliva blicken liess. Auch weilte er wiederholt längere Zeit bei. Hofe, wo er gewiss manchen Schlag, der sonst die Kirche getroffen hätte, abwendete. Zu Flause hielt er für seine Bekannten stets offene Tafel, hatte daselbst stets zahlreichen Besuch und schlug auch Einladungen zu den Notabilitäten Danzigs und der Umgegend nicht aus. Bei

XXII        Einleitung.

den Festlichkeiten, die er in Oliva veranstaltete, pflegte er als rechter Reichsgraf auch des Volkes nicht zu vergessen, indem er sowohl reichlich Almosen spendete, als auch auf einem freien Platze in dem grossen Abteigarten Lustbarkeiten für dasselbe veranstaltete. So konnte es denn nicht fehlen, dass selbst die grossen Einkünfte seiner zahlreichen Pfründen nicht zureichten, um seine Ausgaben zu bestreiten, so dass, als er nach langen und schmerzlichen Leiden am 11. August 1803 morgens 4 Uhr ruhig und gottergeben starb, seine Passiva eine grosse Summe betrugen, die allmählich aus der ermländischen Competenzkasse getilgt werden musste.
Unter den Augen und unter der Leitung dieses Mannes sollte sich nun Joseph von Hohenzollern auf das Priesterthum vorbereiten. Er war fast 15 Jahre alt, als er, die Heirnath für immer verlassend, am 28. März 1791 nach Oliva kam, um hier fortan bis zu seinem Tode, 45 Jahre lang, eine zweite Heirnath zu linden, die er seitdem nur noch ausnahmsweise verlassen sollte. Denn der mehrjährige Aufenthalt in dem nahe gelegenen Altschottland bei Danzig, wo er Studien halber das ehemalige Jesuitencollegium besuchte, entfremdete ihn kaum der ihm so lieb gewordenen Abtei, mit der er im Laufe der Jahre immer mehr zusammenwuchs. Das sogenannte akademische Gymnasium zu Altschottland, wohin er sich im Herbste 1791 begab, umfasste ausser den 5 sogenannten Gymnasialklassen noch einen philosophischen und theologischen Cursus, so dass der junge Kanonikus die ganze Ausbildung für seinen Stand an einem und demselben Orte erhalten konnte. Unter den geistlichen Lehrern der Anstalt übte namentlich der frühere Hofkaplan seines Oheims, Johannes Steffen, ein geborener Ermländer, einen nachhaltigen Einfluss auf ihn aus. Er war es, der ihm besonders bei den Studien der Weltweisheit wie der Gottesgelehrtheit, welchen er mit grossem Ernste oblag, als Professor wie als älterer Freund treu zur Seite stand und in dein empfänglichen Herzen des gutbeanlagten Prinzen die Begeisterung für den Priesterstand derartig zu wecken und zu nähren wusste, dass, als er nach Vollendung seiner wissenschaftlichen Vorbildung am 31. August 1800 in Oliva von seinem Oheim zum Priester geweiht wurde, der Entschluss in ihm feststand, sein Leben im Dienste Gottes und seiner h. Kirche zum Heile seiner Mitmenschen hinzuopfern. Kurz nach seiner Weihe wurde er zu Frauenburg als Domherr von Ermland installirt, eine Würde, die er ebenfalls seinem Oheim zu danken hatte, der inzwischen, wie wir gesehen, Bischof von Ermland geworden

Joseph von Hohenzollern.   
XXIII

war. Damit war zugleich seinem geistlichen Neffen die Laufbahn, welche er beschreiten sollte, ziemlich klar vorgezeichnet: zunächst der Eintritt in den Diöcesanverband und in das Domkapitel von Ermland, weiterhin auch die Nachfolge in den hohen kirchlichen Aemtern des Oheims. Wirklich wurde er denn auch, als letzterer am 11. August 1803 im Alter von 71 Jahren gestorben war, vom Könige sofort zum Abte von Oliva ernannt. Mit der Erhebung auf den bischöflichen Stuhl von Ermland dagegen sollte es nicht so schnell gehen. Carl von Hohenzollern hatte bei seinem Ableben eine Schuldenmasse von ungefähr 42,000 Thalern hinterlassen, und sein königlicher Verwandter hatte bestimmt, dass zu deren voll-ständiger Tilgung das ermländische Bisthum unter kapitularischer Verwaltung gegen ein Drittel der Competenz-Einkünfte so lange erledigt bleiben sollte, bis durch die übrigen zwei Drittel alle Gläubiger befriedigt wären. Dies war im Laufe von 5 Jahren der Fall, und so kam es, dass Joseph von Hohenzollern erst am 6. Juli 1808 von dem ermländischen Domkapitel zum Nachfolger seines Oheims gewählt wurde. Allein da kurz darauf der ehrwürdige Papst Pius VII von Kaiser Napoleon in die französische Gefangenschaft abgeführt wurde und erst im J. 1814 wieder nach Rom zurückkehren durfte, die Akten des Informativprocesses aber in der Zwischen-zeit abhanden gekommen und erst durch Niebuhr wieder ein-gereicht wurden, so konnte die apostolische Bestätigung für den Erwählten erst am 14. April 1817 und die bischöfliche Consecration in der Domkirche zu Frauenburg durch den Weihbischof Stanislaus von Hatten, unter Assistenz der Domherrn von Matthy und Soczewski, erst am 12. Juli 1818 erfolgen. In-dessen schon von dem Tage seiner Wahl ab nahm der Prinz mit seinem ganzen vollen Herzen an allen Angelegenheiten, welche seine Diöcese betrafen, den innigsten und regsten Antheil, wie er ihre Verwaltung als erwählter Bisthumsverweser auch thatsächlich schon mit dem 9. December 1809 aus den Händen des Dompropstes v. Matthy übernahm, welcher seit dem 15. August 1803 die Administration geführt hatte.
Es war eine schwere Zeit für das ganze Land wie insbesondere für die Provinz Preussen und das ermländische Gebiet, als Joseph von Hohenzollern die Regierung der ihm anvertrauten Diöcese übernahm. Der Friede zu Tilsit vom 9. Juli 1807 hatte zwar dem sogenannten unglücklichen Kriege ein Ende gemacht, allein der preussische Staat hatte darin die Hälfte von Land und Leuten eingebüsst; er war auf ein Gebiet von 2877 []-M. mit etwa 5 Millionen Einwohnern


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eingeschränkt worden. Die übrig gebliebenen Landestheile aber waren von den Franzosen durch Brandschatzungen und Lieferungen aufs äusserste mitgenommen, die Staatskassen erschöpft, die Provinz Preussen insbesondere, und nicht am wenigsten Ermland, durch die zahlreichen Schlachten fast gänzlich verwüstet und durch die ansteckenden Krankheiten, welche infolge der Kriegsdrangsale ausbrachen, theilweise verödet, so dass die Bevölkerung der ermländischen Kreise im J. 1807 um 23,329 Einwohner sich verringerte und demnach um ein Fünftel weniger betrug, als 2 Jahre vorher, nämlich 68,576 Einwohner gegen 92,905 im J. 1805. Von den 95 katholischen Kirchen Ermlands waren 49, von 75 Pfarrern 66 fast total geplündert; der Gesammtverlust der Kirchen, Pfarrer und Lehrer in Ermland wurde auf 1,725,090
2/3 Thlr., der Gesammtschaden des platten Landes in Ostpreussen während des Krieges auf 23 Millionen, der der ganzen Provinz zwischen der Weichsel und der russischen Grenze auf etwa 156 Millionen Thaler berechnet. In dieser Zeit der Noth hatte sich die Treue und Vaterlandsliebe des ermländischen Volkes ganz besonders bewährt. Es war ein Ermländer, nämlich der Braunsberger Kaufherr Johannes Oestreich, welcher „zu-erst nach dein königlichen Manifest (d. d. Erfurt 9. October 1806) die Einwohner aufforderte, die untauglich gewordenen Soldaten, sowie deren Wittwen und Waisen in diesem h. Kampfe zu unterstützen, wozu er selbst sofort 5000 Thaler schenkte".1 ) Seine Landsleute zeigten sich eines solchen Vorganges würdig, so dass sich der König gedrungen fühlte, nach dem Abschluss des Tilsiter Friedens an den damaligen Bisthumsadministrator von Ermland folgendes Schreiben zu richten: „Würdiger Bester, besonders lieber Getreuer! Auf Euer Schreiben vom 5. d. M. bezeuge ich Euch gerne hier-durch meine Zufriedenheit mit den von dem Ermlande in der Zeit der Noth gegebenen Beweisen der Treue und Anhänglichkeit, und danke Euch und der ermländischen Geistlichkeit für die an den Tag gelegten guten und rühmlichen Gesinnungen. Es war wesentlich diese hier so glänzend bewährte Treue der ermländischen Katholiken, welche Friedrich Wilhelm III. bewog, nicht bloss im nächsten Frühlinge die definitive Wiederbesetzung des bereits 5 .Jahre verwaisten Bischofs-
1) Königsb. Hartung'sche Zeitung v. 26. October 1806. Nr. 85 und das Kgl. Circulare an Oestreich v. 14. October 1806. abgedruckt in den Erinnerungen on F. v. Schau. Braunsberg 1852. S
65.

Joseph von Hohenzollern.    XXV

stuhles durch die Anberaumung eines Wahltermines für den 6. Juli 1808 zu beschleunigen, sondern auch seine Kabinetsverfügung an den Grafen Dohna vom 26. December 1808 zu erlassen, worin es heisst: „Je mehr eine echte Religiosität über alles heilig ist, und je mehr ich dieselbe in jedem Staatsbürger ehre und geehrt wissen will, desto weniger kann ich es dulden, dass die Verschiedenheit des Glaubens bei meinen protestantischen und katholischen Unterthanen irgend berücksichtigt werde. Ich will solche, wie auch die Städteordnung bestimmt, ebenfalls in jeder andern bürgerlichen Beziehung vertilgt wissen, und fühle mich dazu um so dringen-der verpflichtet durch die in der letzten unglücklichen Katastrophe auch von meinen katholischen Unterthanen bethätigte treue Anhänglichkeit an den Staat und an meine Person.”
In einer für die Interessen der Religion und der katholischen Kirche in Preussen so günstigen Stimmung fand der neuerwählte Bischof von Ermland seinen Landesherrn, als er zu Anfang des Jahres 1809 veranlasst wurde, nach Königsberg, wo damals die ganze königliche Familie und der Hof sich befand, herüberzureisen, um dort die Taufe des Fürsten Boguslaw Radziwill zu vollziehen. Eine Aufzeichnung im Taufbuche der königsberger katholischen Pfarrkirche berichtet darüber wie folgt:
„Don 13. Februar 1809 um 6 Uhr Abends wurde der von Sr. Hochfürstliehen Durchlaucht dem Fürsten Herrn Anton Heinrich von Radziwill, Ritter des königl. Preuss. Adler-Ordens und von Höchstdero Gemahlin der Prinzessin Louise. geborene Prinzessin Ferdinand von Preussen, königl. Hoheit am 3. Januar um 2 Uhr des Nachts geborene Prinz, im Hause im Beisein der königlichen Prinzen und Prinzessinnen, der sämmtlichen Generalität,
des Ministerii und anderer hohen Standespersonen getauft.
Die Taufzeugen waren Se. königl. Majestät Kerr Friedrich Wilhelm III. König von Preussen, Allerhiichst welche w:ihrend der ganzen Abhandlung der Taufe den Prinzen hielten, und Ihre Russisch kaiserliche Majestätin die Fran Marie, verwittwete Alexowna, in Allerhöchst
dero Abwesenheit Ihre königl Majestätin Frau Louisa, Königin von Preussen, die Stelle vertrat. Der Prinz erhielt den Namen: Friedrich Wilhelm, Ludwig Maria Ferdinand Heinrich August Boguslaw.
Den Taufactum vollendeten seine Durchlaucht der Fürstbischof von Ermland, Herr Joseph von Hohenzollern,
nach einer vorhergehaltenen zierlichen Rede unter Assistenz der hiesigen römisch-katholischen Geistlichkeit.”
Wir glaubten diese an sich trockene Notiz hier voll-ständig mittheilen zu sollen, weil sich an diese Taufe, vielleicht mehr als es auf den ersten Augenblick scheinen möchte, manche wichtige Ereignisse im späteren Leben des Fürstbischofes von Ermland anknüpfen. Der junge, eben 32jährige Prinz mit seiner ganzen von Natur aus edlen, durch die Weihe


XXVI        Einleitung.

der Religion und des Priesterthums verklärten Persönlichkeit mochte wohl schon damals als der geeignete Mann erscheinen, um einst den vollen Frieden zwischen dein Staate und der katholischen Kirche, welchen Friedrich Wilhelm III. für das Wohl seines Landes als so wünschenswerth erkannte, zu vermitteln und herbeizuführen. Jedenfalls aber erwarb er sich in seltenem Masse die Freundschaft seiner königlichen Verwandten, denen er in diesen Tagen des Unglücks wie ein Engel des Trostes den Frieden Christi brachte.
Das Auftreten und die Taufrede des erwählten Fürstbischofes hatten bei allen Anwesenden den besten Eindruck hinterlassen. Die Mutter des Täuflings, eine Tochter des Prinzen Louis Ferdinand, der bei Saalfeld fiel, erbat sich von dein Redner eine Abschrift derselben. Unter den vielen Freunden, welche Joseph von Hohenzollern damals sich erwarb, war es insbesondere die vortreffliche Königin Louise, welche dem mit ihr gleichaltrigen Fürstbischofe von Ermland ihr ganzes Zutrauen und Wohlwollen schenkte. Wir wollen als Beweis dafür an dieser Stelle nur an das kostbare Petschaft erinnern, das sie ihm mit einem ihrer schönsten Briefe am 11. April 1809 nach Oliva sandte und das durch ein warm empfundenes Gedicht des alten Königsberger Kriegsrathes Johann Georg Schefner allgemeiner bekannt geworden ist. Es zeigt einen traubenreichen Weinstock mit der Umschrift: „Nicht ohne Thränen
und man kann wohl sagen, dass diese Worte und der daran geknüpfte Wunsch der edlen Dulderin, welche bald darauf aus diesem Leben schied, an Joseph von Hohenzollern vollauf in Erfüllung gegangen sind. Sein Episkopat war nicht ohne Thränen, aber auch nicht ohne den reichsten Segen Gottes; auch an ihm sollte sich das alte Wort des Psalmisten bewahrheiten: ,,Die in Thränen säen, werden in Freuden ernten.2)
Zunächst freilich folgte noch eine reichliche Thränensaat. Durch den unglücklichen Krieg und seine Folgen war die Staatskasse erschöpft, das Volk gänzlich ausgeplündert. In solcher Noth sollten, da eine Erhöhung der Steuern unmöglich
2
) Vgl. die Briefe 1-3. Mit Bezug auf dieses Auftreten des F.-B. schrieb später (im J. 1816) Nicolovius über denselben: „Bei meiner ersten Bekanntschaft in Königsberg mit ihm erschien mir „a tendency to kindle into enthusiasm, a command over the heart”, genug alles, was die edlere Natur bezeichnet, die das Vertrauen erregt, sie werde im grossen Moment jede Erwartung. jede Berechnung übertreffen, und immer in neue Kraft verklärt werden”. Aus den Papieren von Schön. Berlin 1882. V 113.


Joseph von Hohenzollern.   
XXVII

war, die Kirchengüter aushelfen, und es erschien unter dem 10. October 1810 das königliche  Edict, welches die Einziehung der Klöster und Domstifte zu Zwecken des Staates verordnete. Mit blutendem Herzen sah der Fürstbischof auf Grund dieses Erlasses die wenigen Klöster seiner Diöcese — (die Franciscanercouvente zu Cadienen, Springborn und Wartenburg -- bald auch das Kollegiatstift zu Gutstadt fallen. Kaum dass es mit Aufbietung aller möglichen Mühe gelang. den Fortbestand des Frauenburger Domkapitels, dessen Mitgliederzahl von 16 auf 10 herabgesetzt wurde, und der in grosser Dürftigkeit befindlichen 4 Katharinerinnenconvente zu erwirken und die Einziehung des Emeritenhauses zu Krossen, sowie der Wallfahrtskirche zu Heiligelinde abzuwenden. Das Jahr 1811 brachte durch anhaltende Dürre eine gänzliche Missernte und das folgende den Durchmarsch der zahlreichen französischen. Heere mit seinen kaum glaublichen Leiden und Erpressungen. Lieber die Stimmung, in welcher sich der Fürstbischof von Ermland damals befand, gibt uns ein Brief Aufschluss, den er am 25. Ju li 1812 an den befreundeten Staatsrath Ludwig Nicolovius schrieb. „In Ermland sieht es traurig aus, vieles hoffte ich von diesem Jahre, doch keiner fröhlichen Erfüllung darf ich entgegensehen. Die meisten Pfarrer des Ermlandes sind abermals schrecklich beraubt und mit-genommen worden, alles ist muthlos und gebeugt, bei der h. Linde hat die wirklich rührende Andacht unterbleiben müssen! Da es mein Vorsatz ist, künftig Schmolainen zu bewohnen, indem die Heilsberger Schlossruine nicht ohne die grössten Kosten bewohnbar zu machen ist, so begann ich den Bau im ersten Frühjahr, sah mich aber bald gezwungen ihn einstweilen wieder einzustellen. Mit dem Seminar steht es gleichfalls sehr misslich. Das Seminargebäude in Bra unsberg bedarf selbst einer bedeutenden innern und äussern Reparatur u. s. w. Alle diese mannigfaltigen die Diöces bestürmenden Drangsale zerreissen mein Innerstes; überall sehe ich in meinem Wirken Hindernisse entgegenstehen, ich wage fast keine. süsse Hoffnung mehr festzuhalten und mit stiller Wehmuth blicke ich in eine erdunkelnde Zukunft.
Allein wo die Noth am grössten, da pflegt nach alter Erfahrung auch die Hilfe am nächsten zu sein. Unerwartet schnell sollte den Tyrannen, vor dessen Blicken ganz Europa zitterte, das Gottesgericht ereilen. Im Januar des nächsten Jahres sahen die Bewohner
von
Ermland und Ostpreussen die Trümmer des glänzenden Heeres, welches vor einem halben Jahre stolz und siegesgewiss auf dem Marsche nach

XXVIII        Einleitung.

Russland hier durchpassirt war, elend und halb erfroren von Moskau zurückkehren. Die um dieselbe Zeit erfolgte Befreiung des hl. Vaters Pius VII. aus französischer Gefangenschaft erschien als ein Ereigniss, welches alle Gegner Napoleons, ohne Unterschied der Confession, mit der grössten Freude und der besten Hoffnung für die Zukunft erfüllte. Denn Pius VII. war durch die Festigkeit, mit der er allein als wehrloser Greis den Forderungen Napoleons entgegen-getreten war, und durch die Geduld, mit welcher er seitdem Jahrelang die unwürdigste Behandlung in
Fontainebleau er-tragen- hatte, die am meisten bewunderte und geliebte Persönlichkeit in ganz Europa geworden. Mit einem wahren Hochgefühle verkündete deshalb Joseph von Hohenzollern dieses Ereigniss seiner Diöcese durch eines seines schönsten Hirtenschreiben, welches er von Oliva aus, gerade an seinem 39. Geburtstage, am 20. Mai 1814 — vier Tage vor dem Einzuge des Papstes in Rom — erliess.3) Zum Schlusse des-selben verordnet er noch in warmen Worten' eine Collecte für die Wittwen und Waisen der gefallenen Helden, denen zur vollen Befreiung des Vaterlandes noch so viele andere Opfer folgen sollten. Die Völkerschlacht bei Leipzig am 16.-18. October 1814, die Rückkehr Napoleons von Elba, den Sieg bei Waterloo am 18. Juni 1815, den zweiten Einzug der Verbündeten in Paris und alle jene Ereignisse, durch welche der einst so leuchtende Stern des stolzen Korsen fur immer in St. Helena unterging, verfolgte der Fürstbischof mit allen deutschen Patrioten an der Hand des „Rheinischen Merkur”, durch welchen Joseph Görres, neben 'Russland, Preussen, Oesterreich und England damals die fünfte Gross-macht, seit dem 23. Januar 1814 von Koblenz aus die ganze h. Allianz, Fürsten und Völker, in Begeisterung versetzte. Ein schön gebundenes Exemplar dieses merkwürdigen Blattes in der Bibliothek des Prinzen zeigte noch später, welches Gewicht er auf die prophetischen Donnerworte des grossen, mit ihm in dem gleichen Jahre geborenen Rheinländers legte. Von Seiten seines Königs aber bekundete ihm die in jene Zeit fallende Verleihung des Eisernen Kreuzes und der höchsten Klasse des Rothen Adlerordens, wie sehr man seine Opfer und Verdienste in diesen schwierigen Zeiten auch von Seiten des Staates zu schätzen wusste.
3) Vgl. St. Adalberts-Blatt. Braunsberg 1881. 8.
236 ff.

Joseph von Hohenzollern.        XXIX

Allein trotz des Vertrauens und Wohlwollens, das der König, ungeachtet vielfacher Anfeindungen und Verläumdungen, die in Berlin von Zeit zu Zeit gegen den Bischof von Ermland ausgesprengt wurden, demselben stets bewahrte, blieben ihm doch auch fernerhin zahllose Bitterkeiten nicht blos von Seiten der Staatsbehörden, mit denen er zu thun hatte, sondern auch — was ihm viel schmerzlicher war — von Seiten falscher Brüder in seinem geistlichen Amte nicht erspart, und wenn sein Episkopat im Ganzen doch so reiche Erfolge auf vielen Gebieten aufzuweisen hat, so wurden diese regelmässig immer erst nach langen Mühen, Kämpfen und Leiden errungen. So namentlich jeder Fortschritt auf dem Gebiete des katholischen Schulwesens Hier war nach der Auflösung der alten Verhältnisse und der Verwüstung, welche der unglückliche Krieg herbeigeführt, fast alles neu zu schaffen. Zunächst erwies sich eine Anstalt zur Heranbildung von tüchtigen Lehrern für die ermländischen Elementarschulen, welche bis dahin gemangelt hatte, als dringendes Bedürfniss. Sie wurde schon am 2. Juli 1811 in dem früheren bischöflichen Schlosse zu Braunsberg eröffnet. Leider vermochte es aber aller Einfluss des Fürstbischofes nicht zu verhindern, dass die Leitung dieses sogenannten Normal-Unterrichts-Institutes einem Manne anvertraut wurde, welcher, wie er noch am 7. März 1811 warnend und bittend an den Staats-Rath Nicolovius schrieb, „als Apostat sets ein Gegenstand der Verachtung der ganzen Diöcese bleiben musste, und den man nur mit entschiedenem Widerwillen an der Seiten einer Anstalt sehen konnte, von der Ermland sich segensreiche Folgen zu versprechen hatte. Vierzehn Jahre hindurch blieb dieser Mann, der früher „Vinzentinermönch in Breslau gewesen, dann ohne Erlaubniss der Ordensobern sein Kloster verlassen und im Grossherzogthum Posen sich verheirathet hatte, Dirigent jener Anstalt, und erst mit seinem Tode im J. 1825 erhielt das katholische Lehrerseminar auch einen katholischen Direktor.
Günstiger gestalteten sich von vOrnherein die Verhältnisse an dem neuorganisirten Gymnasium zu Braunsberg, welches am 29. December 1811 eröffnet wurde. Dieses war durch die Fürsorge des Staatsrathes Heinrich Schmedding der Leitung eines ausgezeichneten westphälischen Gelehrten und Schulmannes anvertraut, an welchem der Fürstbischof für sein ganzes späteres Leben einen treuen Freund und zuverlässigen erfahrenen Rathgeber besonders für alle das niedere und höhere Unterrichtswesen betreffende Fragen fand.

XXX        
Einleitung.

In kurzer Zeit gelang es dem neuen Direktor — Heinrich Schmülling war sein in Ermland wohlbekannter und noch jetzt in Ehren gehaltener Name — im Vereine mit trefflichen Kollegen wie Gerlach, Kabath, Müller, Biester u. a. sein Gymnasium zu solcher Blüthe zu bringen, dass dasselbe ein Muster und Vorbild für ähnliche Anstalten wurde und Schmedding schon am 22. Februar 1819 an Schmülling schreiben konnte: „Das Gymnasium in Münster hat jetzt endlich auch seine Organisation erhalten; es ist eine Kopie des Braunsberg'schen”.
Mit der Umgestaltung des früheren „akademischen” Gymnasiums in Braunsberg waren auch dessen beide obern Klassen, in welchen ähnlich wie in Altschottland Philosophie und Theologie gelehrt wurde, eingegangen, und es fehlte deshalb seit dem J. 1810 der Diöcese Ermland eine Anstalt zur gründlichen Vorbereitung und Ausbildung der angebenden Geistlichen. Der bei Hofe und bei den Staatsbehörden sehr an-gesehene Braunsberger Kaufmann Johannes Oestreich, ein ebenso warmer Patriot als ein treuer Sohn seiner Kirche und seiner engeren Heimath, hatte deshalb als Curator des Gymnasiums schon im J. 1812 beim Staatskanzler um Errichtung einer höheren theologischen Lehranstalt in Braunsberg gebeten; allein die Freiheitskriege hatten derartige Bestrebungen einstweilen in den Hintergrund gedrängt. Nach den ersten Siegen der Verbündeten über Napoleon kehrte er mit seinen Anträgen wieder. In beredter Weise führte er in einer Eingabe vom 9. April aus, wie seit 5 Jahren in ganz Ost- und Westpreussen kein theologischer Unterricht mehr ertheilt werde, wie der Tod in beiden Provinzen jährlich etwa 30 Geistliche dahinraffe, wie dadurch ein Priestermangel entstehe, der auf die Sittlichkeit des Volkes und somit auf das Wohl des Staates in der nachtheiligsten Weise einwirke und wie deshalb eine Anstalt, welche diesem Bedürfnisse ab-helfe, und zwar am besten und billigsten in Braunsberg, durch-aus Noth thue.
4) Der F.-B , welcher seinerseits von andern Gesichtspunkten aus wiederholt dasselbe Gesuch an die Staatsbehörden gerichtet hatte, wandte sich endlich im Herbst 1815 an den König, um demselben zugleich seine Glückwünsche zu den errungenen Siegen, sowie auch seine Wünsche für die Unterrichtsanstalten seiner Diöcese vorzutragen. Damit wurden die letzten Schwierigkeiten endgiltig beseitigt und am 19.
4) Vgl. Joh. Oestreich. Braunsberg 1881. S.
35 ff.

Joseph von Hohenzollern.        XXXI

Mai 1817 erfolgte der königliche Beschluss „zur Errichtung der katholischen Fakultät zu Braunsberg”, welche durch die Verfügung vom 1. September 1821 nach ihrem ursprünglichen Stifter, dem Kardinal Hosius, den Namen Lyceum Hosianum sowie auch ihre weitere Einrichtung erhielt und seitdem durch Heranbildung des Klerus in der segensreichsten Weise für Ermland gewirkt hat. Die innere Umgestaltung des Diöcesanpriesterseminars durch den aus Baiern im J. 1824 herbeigezogenen Regens Joseph Scheill, einen Schüler Sailers, ging mit dem weiteren Ausbau des Lyceums Hand in Hand, und Männer wie Achterfeldt, Busse, Dittersdorf, Frenzel, Neuhaus u. a. entfalteten seitdem zum grossen Troste des Fürstbischofes eine erfreuliche praktische und schriftstellerische Thätigkeit an diesen ihm so theuren Lehranstalten.
Während Joseph von Hohenzollern in solcher Weise für das innere Wachsthum seines Hirtensprengels sorgte, wurde derselbe durch höhere Fügung auch nach aussen hin nicht unbeträchtlich ausgedehnt und zugleich dem Fürstbischofe von Ermland eine Wirksamkeit zugewiesen, welche wait über seine Diocese hinaus für die katholische Kirche auf dem Gebiete der ganzen preussischen Monarchie bedeutungsvoll und 'segensreich werden sollte. Durch die langen blutigen Kriege, sowie durch den wiederholten Wechsel der Territorialregierungen in den neuen deutschen und polnischen Landestheilen, durch welche Preussen in dem zweiten Pariser Frieden vom 20. November 1815 vergrössert wurde, waren die früheren katholischen Diöcesanverhältnisse dieser Gebiete theils gänzlich aufgelöst, theils so verändert worden, dass sie dringend einer neuen Regelung bedurften. Der Werth und die hohe Bedeutung der Religion war in dem unglücklichen wie in den Freiheitskriegen allseitig erkannt worden, und die moralische Macht und der Einfluss, welche Pius VII. durch seinen Wider-stand gegen Napoleon und sein heldenmüthiges Dulden in ganz Europa sich errungen hatte; machte auch die protestantischen Fürsten in Deutschland geneigt, der katholischen Kirche in ihren Ländern eine ihre Rechte und Besitzungen sichernde Verfassung zuzuwenden. Nach dem Vorgange anderer Staaten entschloss sich auch Preussen frühzeitig mit dem h. Stuhle in Verhandlungen zu treten, und schon im Juli 1816 reiste der gelehrte und gewandte Staatsrath Niebuhr nach Rom, um hier über eine neue Regelung der Gränzen wie der Einkünfte der katholischen Bisthümer in Preussen mit dem Kardinal Staats-Sekretär Consalvi zu verhandeln.


XXXII        Einleitung.


Der preussische Staatskanzler Fürst von Hardenberg wollte es sich nicht nehmen lassen, die langwierigen Unterhandlungen selbst zum endgiltigen Abschlusse zu bringen und unterzeichnete
am 25. März 1821 in Rom die getroffene Uebereinkunft, welche am 9. Juli die königliche Bestätigung erhielt. Das Endergebniss wurde in einer päpstlichen Bulle (de salute animarum) vom 16. Juli 1821 niedergelegt, welche vom Könige unter dem 23. August desselben Jahres bestätigt und in der Gesetzsammlung „als bindendes Statut der katholischen Kirche des Staates veröffentlicht wurde. Zum Vollstrecker dieser Bulle, welche ihrer Bestimmung entsprechend wirklich die Grundlage eines langen und segensreichen Friedens zwischen Kirche und Staat in Preussen geworden ist, wurde Seitens des h. Stuhles als päpstlicher Delegat der Fürstbischof von Ermland, Seitens der preussischen Regierung als Civil-Commissarius der Staatsrath Schmedding in Berlin ernannt.) Joseph von Hohenzollern erhielt dadurch eine Aufgabe, deren Lösung Jahre lung, fast bis zu seinem Tode, einen guten Theil seiner Zeit und Arbeitskraft in Anspruch nahm. In Verbindung mit Schmedding, unterstützt von seinem Generalofficial Fotschki und dem Direktor des Heilsberger Landvogteigerichtes Olszewski arbeitete er noch im September 1821 in Oliva und dann vom 12. November desselben Jahres ab bis zum Februar 1822 in Berlin in der angestrengtesten Weise, so dass er schon unter dem 16. October 1822 an den h. Vater einen ausführlichen Bericht über den erfreulichen Fortgang dieses Friedenswerkes senden konnte, welches überall aus Trümmern und Ruinen neues Leben in der katholischen Kirche Preussens weckte.
Auch Ermland wurde durch diese Bulle nicht blos durch das Gebiet der vormaligen Diöcese Samland, sondern auch durch einen Theil des vormaligen Bisthums Pomesanien, welches seit 1603 dein Culmischen einverleibt worden war, vergrössert, nämlich durch das sogenannte marienburgische Palatinat mit den 5 Dekanaten Christburg, Fürstenwerder, Marienburg, Neuteich und Stuhm, so dass der Sprengel des
5) Exequutorem praesentium Nostrarum Literarum Venerabilem Fratrem Josephum Episcopum Warmiensem, de cujus prudentia, doctrina atque integritate plurimam in Domino fiduciam habemus, expresse nominamus, eligimus, constituimus et deputamus etc. § 41 Bullae de sal. anim.
Cf. ibid. §§ 25. 35. 42. 52-60. und Eichhorn: Die Ausführung der Bulle „de salute animarum” durch . . . Joseph von Hohenzollern. Erml. Zeitschr. V, 1-130.

XXXIII         
Joseph von Hohenzollern.   


Fürstbischofes jetzt 119 Pfarreien mit 29 Filialen umfasste, während er vorher 79 Mutter- und 18 Tochterkirchen gezählt hatte. Auch diesem Theile seiner Diocese, gegen dessen Uebernahme er sich anfangs aus guten Gründen gesträubt hatte, wendete nun der Fürstbischof alle seine Liebe und Hirtensorgfalt zu, namentlich suchte er auch hier durch Hebung des Schulwesens und eines gründlichen Religionsunterrichtes, sowie durch Abwendung von Simultanschulen dauernd zu wirken.
6)
Ebenso gelang es ihm auch die Vorurtheile der Regierung gegen Klosterschulen zu heben. In den 4 Städten Braunsberg, Heilsberg, Rössel und Wormditt hatten sich durch seine Fürsprache die Katharinerinnenconvente erhalten, welche sich seit ihrer Gründung im Jahre 1583 auch mit dem Unterrichte der Mädchen abgaben. Es kam nun darauf an, einerseits diese Mädchenschulen den Conventen zu erhalten, anderseits aber für die Heranbildung der Conventsschwestern zu tüchtigen Lehrerinnen zu sorgen. Dieser Aufgabe unterzog sich auf den Wunsch des Fürstbischofes zunächst für die Braunsberger Klosterschule der Lycealprofessor FrBenzel, welcher vor dem Beginne seiner theologischen Stadien selbst einige Zeit Elementarlehrer gewesen war.7) Sein Streben wurde von fast unerwartetem Erfolge gekrönt. Der Königsberger Schulrath Dinter, der ursprünglich am meisten dagegen eingenommen gewesen sonst aber eine ehrliche Natur war, berichtete auf Grund einer Revision schon im J. 1826, dass die Braunsberger Klosterschule „eine wahre Wohlthat der Stadt und deshalb sehr in Ehren zu halten sei. Nach dem Muster von Braunsberg wurden dann auch die andern ermländischen Klosterschulen reformirt und durch bischöfliche Verordnung vom 19. September 1827 in jedem Convente eine Präparandenanstalt gegründet, so dass diese Schulen sehr bald als Muster dastanden, allgemein anerkannt in ihren Leistungen selbst von denen, die sonst ganz anderen päda-


6)        Vgl. den geradezu vortrefflichen Hirtenbrief, den er bei Uebernahme des Palatinates erliess, unten S. 251 ff.
7)        Er starb am 2. April 1873 als Weihbischof und Dompropst von Ermland. Vgl. über ihn Erml. Volksblätter. 1873. Nr. 34. 42 ff. Diesem trefflichen Manne sowie dem gleichfalls schon verstorbenen Schwiegersohne Schmeddings, Herrn Staatsrath von Zurmühlen in Berlin, und unter den noch Lebenden besonders der Prinzessin Maria von Hohenzollern in Oliva fühlt sich der Verfasser für reichhaltige mündliche und schriftliche Mittheilungen über Joseph von Hohenzollern zu innigstem Danke verpflichtet.

XXXIV        Einleitung.

gogischen Grundsätzen huldigten, eine wahre Wohlthat für die betr. Städte, die dadurch, von Anderm abgesehen, jährlich mindestens eine Ausgabe von 1000—2000 Thalern ersparten und dabei ihren Töchtern eine ausgezeichnete Erziehung geben konnten. Hohenzollern hielt weibliche Lehrerinnen für die weibliche Jugend für äusserst angemessen, wo nicht für nothwendig und äusserte wiederholt: „Ich wünsche in allen Städten Ermlands Conventsschulen”, ein Wunsch, der nach seinem Tode auch wirklich in Erfüllung ging, gegenwärtig aber wieder in das Gebiet der sogenannten „frommen Wünsche
zurückverwiesen ist. Ueberhaupt konnte wohl Niemand für das Gedeihen und die Hebung der Volksschulen und für das Wohl, namentlich auch die materielle Existenz der Lehrer ein wärmeres Herz haben als der Fürstbischof von Ermland. Auf seine Anregung arbeiteten Schmülling und Gerlach schon im J. 1815, als man in allen Schulen der Provinz Ostpreussen ein protestantisches Lesebuch einführen wollte, das vortreffliche sogenannte ermländische Lesebuch aus, welches in zahlreichen Auflagen viel Nützen gestiftet hat. Dazu kam später eine Fibel nebst Gebrauchsanweisung für die Lehrer, ferner im Jahre 1821 die Einführung der biblischen Geschichte von Kabath, im J. 1828 der neue Diöcesankatechismus von Achterfeldt; sodann die „Schulgebete zunächst zum Gebrauche für Elementarschulen”, das „Gebetbüchlein für die katholische Schuljugend des Bisthums Ermland, sowie eine „Sammlung auserlesener Gebete für die römisch-katholische Gemeinde in Ermland.” Ebenso veranlasste er auch die Herausgabe einiger kleinen populären Schriftchen über die Bischofsweihe, die hl. Firmung, die erste hl. Kommunion und das Jubeljahr, dessen Feier im J. 1827 in Ermland durch Wort und Beispiel des Fürstbischofes mit seltenem Segen begleitet wurde.8) Auch an dem Zustande-kommen eines Diöcesan-Gebet- und Gesangbuches hat er lange gearbeitet und mit Geistlichen wie mit Laien, u. A. auch mit v. Baczko, v. Eichendorff und Schmedding viel darüber correspondirt, ohne jedoch zu einem ihn befriedigenden Abschlusse zu kommen. In seinen sehr zahlreichen, mit grosser Sorgfalt ausgearbeiteten Hirtenbriefen, welche sich fast über alle Punkte der Seelsorge verbreiten und deren vollständige Sammlung und Herausgabe ein schönes Denkmal für den Ver-
8) Vgl. darüber Benkert's Religionsfreund. Würzburg 1828. S. 569, Erml. Past -Bl.
1875. S. 138 und unten S. 649.

XXXV          Joseph von Hohenzollern. 
 

ewigten bilden würde, betont er ebenso überall die Sorgfalt für Unterricht und Erziehung der Jugend. Namentlich hervorragend in dieser Beziehung ist die ausführliche von ihm selbst verfasste Instruction über „die Ertheilung des Religionsunterrichts an den Elementarschulen des Bisthums Ermland” vom 1. Mai 1830 (S. 423 f.) mit dem Motto: „Religion soll schon frühe im Herzen Wurzel fassen; sie soll höher stehen als das blosse Wissen, das ja erst durch sie Werth erhält.” „Die Schule”, so schrieb er im Jahre 1831, „ist der Vorhof für die Kirche, sie ist die Pflanzschule der Gemeinde und eben darum als die erste Werkstätte des seelsorgerlichen Berufes zu betrachten.
Wie musste es bei solchen Anschauungen über das Verhältniss der Kirche und des Klerus zur Schule den Fürstbischof kränken und verwunden, wenn der Oberpräsident von Preussen, Herr v. Schön, der ihm persönlich längere Zeit sehr feindselig gesinnt war,
9) schon frühzeitig so viel als möglich die Verbindung der Kirche mit der Schule zu zerschneiden, allen Einfluss des Bischofes auf die letztere aufzuheben suchte, was ihm auch in manchen Stücken nur zu gut, wenn auch nicht dauernd, gelang. In seinen Briefen an Schmedding schüttet der Prinz wiederholt sein gepresstes Herz aus. „In einer Conferenz mit der Schuldeputation zu Heilsberg, so schreibt er am 29. Juni 1828, „äusserte der Schulrath Dr. Lucas laut und bestimmt: dass die Regierung mir als Bischofe nur Einfluss auf die Religionsstunden, sonst keinen auf die Schulen einräumen könne. Der Herr Schulrath erschien auch bier in Schmolainen; theils um die hiesige Schule zu revidiren, theils um ein schickliches Lokal für die hier zu errichtende evangelische Schule zu ermitteln. Man baut eine eigene Schule für ungefähr 12 Kinder evangelischer Eltern! Da diese blutarm sind, sich darunter kein einziger Grundbesitzer befindet, so wird der Lehrer vom Staate besoldet werden ! Möchten doch auch die kirchlichen und Schulbedürfnisse der katholischen Kirche in Altpreussen mit gleicher Sorgfalt berücksichtigt werden. Aber was muss man dort gewahren? In Osterode befinden sich gegen 50 katholische Familien, darunter 40 Grundbesitzer mit mehr denn 100 Kindern. Diese Unglücklichen entbehren alles, wonach das Herz des katholischen Christen mit heisser, frommer Sehnsucht verlangt! Sie haben keinen eigenen Gottesdienst, kein Gotteshaus, keine
9)
Vgl. über sein Verhältniss zum F-B. besonders S. 502. 504. 516. 649. 654.

XXXVI        Einleitung.
Priester; in des Lebens bangster Stunde, in dem letzten Stündlein sind sie verlassen; die himmlischen Tröstungen, die unsere h. Religion dem müden Erdenpilger darbietet, sie bleiben ihm versagt! Die Kinder katholischer Eltern sind gezwungen, evangelische Schulen zu besuchen, wo sie den Glauben ihrer Väter lästern und verunglimpfen hören; -- diese Fälle ereignen sich nur allzuhäufig, ja sie sind recht eigentlich an der Tagesordnung. -- Im gleichen Zustande befinden sich,
flebile dictu, Tausende katholischer Christen in Lyck, Johannisburg, Rastenburg, Hohenstein, Pr. Holland, Willenberg -- der evangelische Pfarrer an letzterem Orte äusserte gegen einen meiner Geistlichen, er habe gegen 1000!! Katholiken in seinem Pfarrsprengel — und an vielen andern Orten. — Tausende katholischer Christen bitten im Namen der Gerechtigkeit, dass man ihnen im evangelischen Preussen gewähre, was man einer nur geringen Anzahl evangelischer Christen im Ermlande mit grosser Munificenz zugestanden! Wer hiebei helfen kann und es unterlässt, hat es dereinst am Richterstuhle des Ewigen zu verantworten."
In solchen und zahlreichen ähnlichen Kümmernissen und Sorgen fand der Fürstbischof Trost und Erhebung im Aufblicke und im innigen Verkehre mit Gott. Er wurde mit jedem Jahre mehr und mehr ein Mann des Gebetes, was ihm um so leichter war, als er auch die Einsamkeit liebte. Indem er seinem Klerus in einem schönen Pastorale die Uebung h. Einsamkeit und die Abhaltung der jährlichen geistlichen Uebungen empfiehlt, glaubt er sich auf sein eigenes Beispiel berufen zu können.10) Auch bereiteten ihm die Blumen seines

10) Diese Vorliebe für die Einsamkeit, die in der That an einen Cistercienserabt erinnerte, zog ihm besonders von Seiten seiner Berliner Bekannten den Vorwurf zu, er sei „ein Einsiedler, ein Bücherwurm, ein verkommener Stubengelehrter.” Durchaus mit Unrecht Denn der F.-B. vermied es durchaus nicht, wo es Liebe und Pflicht geboten, öffentlich aufzutreten, war von Natur ans sehr mittheilsam und liebte eine edle Geselligkeit. In einem Gedichte an Nicolovius vom 17. Mai 1825 (vgl. Erml. Zeitung 1882. Nr. 126) erwähnt Schmedding „den freundlichen Fürsten in Oliva, wohlbewandert in Kunst und Wissenschaft, geistlichen Sinnes, und im Gespräch gern sich mittheilend edleren Männern.”
Für seine fleissigen Studien zeugen neben den Briefen besonders die beiden noch erhaltenen Bände der Tagebücher (371 und 207 Seiten in 8), aus welchen in den Aphorismen (unten 518—628) alles dasjenige vollständig mitgetheilt ist, was sich nicht als blosses Excerpt erwies. Die beiden
Bände gehören gegenwärtig der Bibliothek des erml. Priesterseminars, dem auch die übrigen Bücher des F.-B. zugefallen sind. Vgl. unten S. 656.

Joseph von Hohenzollern.    XXXVII

Gartens, die er emsig pflegte, eine fleissige Beschäftigung mit seiner bänderreichen, sehr sorgfältig gewählten Büchersammlung und die treue Hingabe und Freundschaft, welche ihm viele edle Seelen widmeten und bewahrten, Erquickung in seinem dornenreichen Amte.
Frühzeitig schon hatten ihn richtiger Takt und Sympathie auf den schönen Kreis trefflicher Menschen aufmerksam gemacht, die in Münster, um den genialen Minister von Fürstenberg und die geistvolle Fürstin Amalia von Gallitzin geschaart, in den Tagen des Umsturzes aller menschlichen und göttlichen Ordnung in der katholischen Kirche die Säule und Grundfeste aller ächten Bildung und alles wahren Christenthums erkannten und sie in Wort, Schrift und Leben als solche geltend zu machen wussten. Zwei ausgezeichnete Männer, die den Anregungen jenes münsterschen Kreises die religiöse Richtung ihres ganzen Lebens verdankten, Ludwig Nicolovius aus Königsberg und Heinrich Schmedding aus Münster, vermittelten während ihrer zeitweiligen Wirksamkeit in Königsberg eine nähere Berührung des Bischofes von Ermland
ruit den münsterschen Freundeskreisen. So trat er in Briefwechsel mit dem edlen Grafen Stolberg und dem durch seine pädagogische Wirksamkeit bekannten Overberg, verfolgte mit innigstem Antheil das wunderbare Leben der mit den Wundmalen Christi geschmückten gottseligen Anna Katharina Emmerich, in deren Gebet er sich wiederholt mit vielem Erfolge empfahl,11) und pflegte dauernd freundschaftlichen Verkehr mit den trefflichen Gelehrten und Schulmännern, die auf Schmeddings Anregung aus Westphalen wie aus andern Gegenden Deutschlands nach Ermland übersiedelten, um bier das gesammte Unterrichtswesen zu reorganisiren.
Mit diesen Männern unterhielt er auch, meist im Interesse der von ihnen geleiteten oder geförderten Anstalten, eine lebhafte Privatcorrespondenz, wie denn der weitaus grösste Theil der noch erhaltenen Briefe, abgesehen von Schmedding, der aus naheliegenden Gründen am reichlichsten bedacht
11) Vgl. Schmöger, das Leben der A. K. Emmerich. Freiburg 1870. II, 274: „Ich habe in dem Weinberg heute Nacht so angestrengt arbeiten müssen, dass ich noch sehr müde bin . . . Ich erinnere mich des Generalvicars (v. Droste), des Bischofs von Ermland (Hohenzollern) und eines noch Zukünftigen " Ueber das Verhältniss des F.-B. zu K. Emmerich, Overberg, Stolberg u. s. w. vgl. Erml. Past.-Bl. 1874 S 29 ff. 1877 S. 77.

XXXVIII        Einleitung.

wurde,
12) an die Gelehrten und Schulmänner in Braunsberg gerichtet ist, namentlich an den von allen Seiten hochgeschätzten Schmülling.13) Aber auch an die Geistlichen und Lehrer seines Sprengels, vielleicht nur wenige ausgenommen, sowie an hervorragende Laien des In- und Auslandes hat er zahllose Briefe gerichtet, fast ohne Ausnahme eigenhändig mit vollendet schöner Handschrift geschrieben und vielfach erst in aller-neuester Zeit der Vernichtung anheim gefallen.14) Immerhin geben die wenigen noch erhaltenen Schreiben dieser Art ein klares Bild davon, wie er mit Hoch und Niedrig in gleich eingehender, liebevoller, vertraulicher, demüthiger und doch würdevoller und erhebender Weise brieflich zu verkehren wusste. Man lese z. B, die Zuschriften an Joseph von Eichendorff in Danzig und an den Landvogteigerichtsdirektor Olszewski in Heilsberg, an die Geistlichen Beckmann, Herholz, Krzynkowski, Schröter, Wiehert, oder auch die an den jungen, kaum zwanzigjährigen Lehrer Schröter in Schmolainen gerichteten Schreiben, worin sogar den einzelnen armen Schulkindern mit rührender Herzlichkeit und Theilnahme Grüsse gesendet werden.15)
Es konnte bei solcher Anregung nicht fehlen, dass mehr und mehr auf allen Gebieten der Seelsorge und des Unter-



12)        Vgl. über diesen hervorragenden Staatsmann die Schrift: Geistliche Lieder von Dr. J. H. Schmedding, (geb. 2. Juli 1774 +
18. April 1846.) Münster 1869. Vgl. auch Pertz, Steins Leben VI,                 53. 108.
13)        Vgl. Schmüllings Biographie im St. Adalbertsblatte Braunsberg 1882. Nr. 21 ff. auch in einem Separatabzuge
14)        Die in dieser Sammlung enthaltenen 206 (resp 210) Briefe sind, bis auf die mehr amtlich gehaltenen, fast alle eigenhändig geschrieben und dem Verfasser von den Besitzern (den Adressaten oder deren Erben) mit dankenswerthester Liberalität nicht bloss übersendet, sondern meist auch geschenkt worden. Vieler Orten freilich hiess es, dass die vorhandenen Briefe vor kürzerer oder längerer Zeit verbrannt worden seien. Um die noch geretteten Originale vor gleichem Verluste zu schützen, sollen dieselben der Bibliothek des Königl. Lyceum Hosianum, einer Lieblingsanstalt des Verewigten, überwiesen werden. Die Briefe an Achterfeldt hat übrigens dieser selbst schon im
J. 1839 in Bonn bei T. Habicht in der Urschrift und zugleich auch in Cöln bei F. C. Eisen in lateinischer Uebersetzung herausgegeben (36 S. 8). Ausserdem waren nur noch die 5 Hirtenbriefe (Nr. 46. 61. 120. 153. 173) gedruckt, abgesehen von einigen kleineren Mittheilungen im Erml. Past.-Bl. und im Danz. Kirchenblatte.
15)   Ein Nekrolog dieses braven Lehrers in der Erml. Zeitung vom 18. Januar 1880 hebt hervor, dass der F.-B. bei diesem seinem „lieben Lehrer täglich öfters 2—3
Stunden in der Schule verweilte. Immer schlug das Herz des Dahingeschiedenen höher, wenn er seinen Collegen diesen gewiegten Pädagogen schilderte”.

Joseph von Hohenzollern.    XXXIX
richts ein lebendiger Eifer und eine erfreuliche Thätigkeit in Ermland sich entfaltete. Joseph von Hohenzollern mit seinem hl. Hirteneifer, seiner warmen Begeisterung für wissenschaftliche Bestrebungen, wie für wahres Volkswohl, war und blieb die Seele aller dieser Thätigkeit. Während er den grössten Theil des Jahres in Oliva in tiefer Einsamkeit zubrachte, nur umgeben von seinen beiden Hofkaplänen und seinem Auditor, von früh bis spät an seinem einfachen Schreibtische thätig in den Angelegenheiten des Bisthums, kam er regelmässig jeden Sommer für mehre Monate nach dem in der Mitte Ermlands liegenden bischöflichen Gute Schmolainen. Hier empfing er dann täglich die zahlreichen Besuche seiner Diöcesangeistlichen, die er alle sehr genau kannte, hier regte er an, ermunterte zum Guten, oder auch er rügte das Schlechte und Verkehrte; von hier aus unternahm er seine Visitations- und Firmungsreisen, wobei er, wenigstens in den Städten, regelmässig Predigt und Pontificalamthielt.16) Das tiefgläubige ermländische Volk, des Anblickes seiner Oberhirten seit mehr als einem Menschenalter fast entwöhnt, strömte überall, wo er erschien, massenweise hinzu, um seinen Bischof zu sehen und seinem beredten, echt apostolischen Worte zu lauschen. Seine hohe Geburt, seine schöne imponirende Gestalt,17) dazu seine grosse Herablassung, Freundlichkeit, Mildthätigkeit und gränzenlose Freigebigkeit gegen die Armen,18) erwarben ihm die vollste Liebe seiner Diöcesanen, die wirklich, wie die Inschrift einer Ehrenpforte es einmal aussprach, mit

16)  Wie er bei solchen Gelegenheiten empfangen wurde und wirkte, darüber vgl. die Erinnerungen an F. v. Schau. 1882. S. 17. Erml. Past. Bl. 1882. S. 72.
17)  Er selbst hat sich nie portraitiren lassen. Doch haben die Maler Schulz in Danzig, Mütterling in Frauenburg und Frl. Louise Claude (Frau Henry in Bonn) Bilder von ihm gemalt, die zum Theil auch durch Kupferstich und Holzschnitt vervielfältigt, aber nach dem Urtheile Sachverständiger wenig getroffen sind. Vgl. unten S. 648. Seine äussere Erscheinung schildert Prinzessin Maria v. Hohenzollern folgendermaassen: „Mein Oheim war noch in seinem 60. Jahre, wo er starb, •ein schöner Mann; gross, schlank, eine edle Gestalt, mild, freundlich und doch voll Hoheit. Dunkelblondes volles Haar umgab seine hohe Stirn und erst in der letzten Krankheit mischten sich graue Haare darin. Er hatte grosse, klare, dunkelblaue Augen, eine feine gerade griechische Nase, volle rothe Lippen, blühende Farbe und einen leichten edlen Gang. Er sah aus wie kaum 50 Jahr alt”.
18)  Von seinen jährlichen Einkünften, die sich auf etwa 24000 Thaler beliefen, verwandte er, bei grösster Bedürfnisslosigkeit für sich selbst, fast Alles für Arme, Schulen und Kirchen, und am Anfange eines neuen Quartals wurde seine ganze Rate gewöhnlich sofort vertheilt. Vgl. unten S. 662. 670.


XL        Einleitung.

ihren Lippen ihn „Fürst
, mit den Herzen aber ihn „Vater” nannten. Seine bischöflichen Reisen durch Ermland glichen deshalb, wann immer sie geschehen mochten, überall einem Triumphzuge, bei dem aber nichts Künstliches, nichts Gemachtes war. Diese warme Liebe, die er so rein bei Klerus und Volk erblickte, belebte seinen Muth und fesselte ihn mit unzertrennlichen Banden an sein „geliebtes Ermland”, . so dass er wiederholte Anträge, lhn für einen grösseren Kirchensprengel, z. B. für Köln, zu gewinnen, stets ausschlug.19) Sein Amt gab ihm zu thun genug; Arbeit aber und nicht Ehre war es, was ihm als die Aufgabe eines Bischofs galt; Arbeit und Gebet, Wohlthun und Leiden war es, was die Tage seines Lebens ausfüllte, welche leider schneller, als man bei seiner steten Gesundheit, seinem jugendlichen Aussehen und seiner kräftigen Constitution gedacht hatte, enden sollten. Bei Gelegenheit einer Reise nach Marienburg, wo er den Kronprinzen Friedrich Wilhelm bei dessen Durchreise begrüsste, hatte er sich im Sommer 1836 in einer kühlen Nacht eine Erkältung und in-folge davon ein Fieber zugezogen. Obgleich die Fieberanfälle immer stärker wurden, war der Kranke doch lange Zeit nicht dazu zu bewegen, das Bett zu hüten und seine angestrengte geistige Thätigkeit einzustellen, bis endlich seine volle Manneskraft erschöpft war und er nach dreimonatlicher Krankheit einem schnell sich ausbildenden Lungenleiden erlag. Wiederholt gestärkt durch den Empfang der hh. Sterbesakramente entschlief er sanft und ruhig, wie er gelebt, bei vollem Bewusstsein, den Blick auf das Kruzifix gerichtet, unter den Gebeten der ihn umgebenden Priester und Hausgenossen, am 26. September abends um 6 Uhr im 61, Jahre seines Lebens, während gerade der „Engel des Herrn” geläutet wurde. Am 1. October wurde seine sterbliche Hülle in der Gruft der schönen Abteikirche zu Oliva, in der er so oft das h. Opfer dargebracht hatte, unweit der Leiche seines Oheims Carl, unter ungeheurer Betheiligung des Klerus und des Volkes der Umgegend wie der ganzen Provinz beigesetzt. Kein Grabstein, keine prunkende Inschrift schmückt seine letzte Ruhestätte, aber das Urtheil der für Wahrheit und Gerechtigkeit einstehenden Geschichte wird stets lauten:
„Hier ruht ein Vater der Armen, ein edles Priesterherz, hier ruht einer der edelsten Sprossen des Hohenzollernhauses, einer der besten Bischöfe Ermlands.”
19) Vgl. darüber u. a. Clemens Brentano, Briefe. 1855. II, 32. Erml. Past. Bt. 1874. S. 30.

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