II. Die gegenwärtigen Bewohner

4. Die Ermländer.

Der Umstand, daß das Ermland infolge seiner früheren politischen Verhältnisse gewissermaßen einen für sich abgeschlossenen Staat gebildet hat, bedingte es, daß die Bewohner dieses Gebietes noch heute volkstümliche Eigenarten haben, die sonst in Ostpreußen nicht vorkommen. Man hat deshalb die Ermländer das konservativste Völklein der Welt genannt. Ermland ist rein katholisch, d. h. mehr als 90 % der Bevölkerung bekennen sich zu diesem Glauben. An den Wegen sieht man zahlreiche Kruzifixe, und an den Eingängen zu den Ortschaften stehen Heiligensäulen, pfeilerartige Bauten von 3 bis 4 m Höhe, die oben in einer Nische ein Heiligenbild tragen. Die Landbevölkerung hat sich fast durchweg Jahrhunderte hindurch unvermischt erhalten. Der Menschenschlag ist ein gesunder und durchschnittlich von mittlerer Größe. Dem Fremden gegenüber zeigen sie eine gewisse Freundlichkeit, die sich hauptsächlich in der Bereitwilligkeit, jede gewünschte Auskunft zu geben, äußert, aber auch in einer erfreulichen Gastfreundschaft. Zu den hervorstechendsten Eigenschaften der Ermländer kann man wohl die Zähigkeit rechnen, mit der sie ein einmal beschlossenes Vorhaben durchführen. Man kann diese Zähigkeit in den meisten Fällen schon als Eigensinn bezeichnen. Im übrigen zeigen sie aber eine gewisse Langsamkeit und Bedächtigkeit. Diese Eigenschaften sind nicht selten mit einem guten Teile Schlauheit gemischt. Der Ermländer hängt mit allen Fasern seines Herzens an den religiösen Gebräuchen seiner Kirche. Die Gotteshäuser sind an den Sonn- und Feiertagen stets gefüllt. Aber nicht minder tief als die religiöse Gesinnung ist die Vaterlandsliebe und die Anhänglichkeit an das preußische Herrscherhaus. Der Sozialdemokratie wird es in den dortigen Dörfern und kleineren Städten kaum jemals gelingen, festen Fuß zu fassen. Das Familienleben ist im großen und ganzen ein gesundes. An schönen Sommertagen kann man in den Dörfern die Familien vor der Tür oder im Garten sitzen sehen. Die Nachbarn pflegen einen freundlichen Verkehr untereinander und stehen sich hilfsbereit zur Seite.

Von einer ausgesprochenen ermländischen Nationaltracht ist nicht mehr viel zu sehen. Bei den Männern fielen früher der selbstgewebte blaue Pelerinenmantel und Schnürstiefel auf. Die Frauen bevorzugten eigentümlich gefaltete Röcke von grellen, meist roten Farben. Ihre Hauben besaßen einen großen Boden und wurden mit langen, breiten Seidenbändern umwunden. Die Enden dieser Bänder hingen auf den Rücken hinab. Derartige Trachten sieht man noch bei den Wallfahrern nach Heiligenlinde, Glottau, Dietrichswalde und anderen Wallfahrtskirchen, aber auch nur bei alten Leuten.

Von alten Volkssitten haben sich vor allem die Hochzeitsgebräuche erhalten. Die Einladung dazu, die "Bitt", besorgen die Platzmeister, junge, gewandte Männer aus dem Bekanntenkreise. Sie sind mit bunten Bändern geschmückt und haben eine Lange Peitsche in der Hand, durch deren Knallen sie ihre Ankunft ankünden. Meistens sind sie beritten. Die Brautjungfern haben die Braut zu sehmücken und beim Hochzeitsmahle zu bedienen. Die Zahl der Platzmeister und Brautjungfern ist gleich. Beim Mahle, dem Kesting, geht es hoch her. Meistens dauert es mehrere Tage. Früher brachten dazu die Gäste ihre Messer und Gabeln selbst mit. Jetzt kommt dieser Brauch nur ganz vereinzelt vor. Hin und wieder zeigen sich auch manche abergläubischen Gebräuche und Anschauungen. Die Braut tut ein Geldstück in den Schuh, um später als Ehefrau immer Geld zu haben. Lockert sich auf der Fahrt zur Kirche etwas am Anzuge der Braut, so ist das eine schlimme Vorbedeutung für die Ehe. Gelingt es nach der Trauung dem jungen Ehemanne, die Frau vom Altar nach seiner Seite hinüberzuziehen, so hat er später das Regiment im Haus, im anderen Fall aber die Frau.

Die Tauffeierlichkeit, auf dem Land öfters Klaatsch genannt, weist ebenfalls manche Eigenart auf. Musik, Tanz, Schmauserei spielen auch hierbei eine wesentliche Rolle. Schon im Kruge des Kirchdorf es wird den Getränken fleißig zugesprochen. Dem Täufling werden von den Paten in das Wickelzeug Geld, Brot, Getreidekörner gelegt, um ihm dadurch eine glückliche Zukunft und eine gewisse Wohlhabenheit zu gewährleisten. Bei Mädchen stehen junge Männer, bei Knaben junge Mädchen Pate.

Der Leichenschmaus heißt bei den Ermländern Zärm. Ebenso wie in Litauen erreicht er auch hier nicht selten einen gewissen Grad von Fröhlichkeit. Er wird je nach dem Wohlstande der Hinterbliebenen ausgerichtet. Die zum Leichenbegängnis erschienenen Nachbarn werden alle mit einer Erfrischung bedacht. Die Angehörigen jedoch bleiben Lange beisammen und huldigen den Freuden, die eine reichbesetzte Tafel mit ihren Speisen und Getränken bietet. Selbstverständlich ist dann bald der Verstorbene vergessen. Trotzdem hat er einen "schönen Zärm" gehabt. Der Aberglaube spielt bei den Begräbnisfeierlichkeiten auch eine gewisse Rolle. So wird noch hin und wieder dem Verstorbenen bald nach seinem Hinscheiden entweder auf seinen früheren Tischplatz oder auch an das Leichenbett das Lieblingsessen hingestellt. Nicht selten findet man in hohlen Weiden kleine Strohbündel. Auf diesen soll sich der Geist des Heimgegangenen ausruhen, bis er vom Sensenmann abgeholt wird.

Aus dem Aberglauben der Ermländer möge noch folgendes erwähnt werden: Heult in der Silvesternacht ein Hund vor einem Hause, so muß dort im neuen Jahre jemand sterben. Kinder, die ungetauft sterben, verwandeln sich in Irrlichter. Gräbt sich der Maulwurf bis unter das Fundament eines Hauses, so wird aus diesem Hause sehr bald ein Toter hinausgetragen werden. Weidenkätzchen, sogenannte Palmen, die am Palmsonntag geweiht worden sind, schützen gegen Blitzschlag. Geweihte Palmen, an der Stalltür angebracht, schützen das Vieh vor Krankheit. Fliegt eine schreiende Krähe über einen Menschen hinweg, so steht diesem Unglück bevor. Der Storch bringt Glück. Er wird deshalb im Ermländischen gern gesehen. Ameisen in einem Wohnzimmer sind ebenfalls Glückbringer. Manche Bräuche gegen Verrufen und Behexen sind noch in jener Gegend zu finden.
Im Ermland gibt es viele geschlossene Dörfer, die von der Straße durchschnitten werden. Vornehmlich hegen sie in nächster Nähe von fließenden oder stehenden Gewässern. Die älteren Häuser sind meist in Fachwerk oder ganz aus Holz aufgeführt. Man spricht deshalb vom Fachwerk- und vom Blockhausbau. Manche Fachwerkhäuser sind jedoch im unteren Stockwerke ganz massiv und weisen das Fachwerk nur im oberen Stock auf. Die alten Häuser stehen fast durchweg mit dem Giebel nach der Straße, während
 

Ermländisches Bauernhaus.

die neuen Häuser ihre Längsseite an der Straße haben. Das Dach der ersteren ist mit Stroh gedeckt, ragt hoch hinauf und trägt hin und wieder noch Pferdeköpfe, die das Unheil vom Hause fernhalten sollen. Der Eingang auf der Hofseite besitzt oft einen Vorbau. Die Haustür ist nicht selten in der Mitte von rechts nach links geteilt. Der Hausflur ist meistens mit großen Steinfliesen ausgelegt. Der Haustür gegenüber gellt es in die Küche, über die sich ein großer Schornstein wölbt. Während es auf einer Seite zu den Wohnräumen führt, gelangt man auf der anderen Seite in den Pferdestall. So ist es bei den kleineren Besitzern ziemlich durchweg. Das Vieh ist jetzt fast ausschließlich in besonderen Stallungen untergebracht. Die alten Bauernhäuser schwinden auch hier immer mehr. Am häufigsten sieht man sie wohl noch im Dorfe Kleefeld. Hin und wieder erblickt man auf einer Wanderung durch das Ermland noch alte, im Viereck erbaute und in sich geschlossene Bauerngehöfte. Alle Gebäude stoßen zusammen und haben die gleiche Dachhöhe. Sie bilden gewissermaßen eine kleine Burg.

5. Sonstige Bewohner.

a) Jüdische Bevölkerung.

Seit wann die jüdische Bevölkerung Ostpreußens hier ansässig ist, läßt sich nicht genügend sicher feststellen. Im Jahre 1786 wurden in dieser Provinz nur etwa 400 Juden gezählt. Wie allenthalben, so hatten sie auch hier manche Bedrückungen zu erleiden. So wurden sie anfangs nur in wenigen bestimmten Städten geduldet. Erst durch den Erlaß vom 11. März 1812 ist ihnen der Genuß der meisten bürgerlichen Rechte im ganzen Staate zugesichert worden. Dafür haben sie sich der Regierung gegenüber dankbar bewiesen und zur Zeit der Befreiungskriege große Opfer gebracht. Seit dem Jahre 1817 sind sie der Militärpflicht unterworfen. Wie schon der norddeutsche Bund, so erhob auch das 1871 neubegründete Deutsche Reich die unbedingte Gleichstellung aller Staatsbürger zum Grundsatz. Und mit Annahme der Zivilehe ist der Letzte Rest einer Ausnahmestellung der Juden in Wegfall gekommen. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung Ostpreußens beträgt rund 13 500. Davon entfallen, wie das auch anderwärts Tatsache ist, die meisten auf die größeren Städte. Aber auch auf dem Lande hat sich im Laufe der Jahre eine nicht unerhebliche Anzahl von Juden niedergelassen. Allerdings nähren sich wenige vom Ackerbau, sondern treiben vorzugsweise Handel. Das gilt sogar von der jüdischen Kolonie Kackschen im Kreise Pillkallen. Verhältnismäßig am geringsten in der ganzen Provinz sind die Juden im Ermland vertreten. Vorübergehend kommen oft des Handels wegen polnische Juden zu uns. Am häufigsten sind sie in Königsberg zu sehen. Sie fallen in ihren langen schwarzen, talarähnlichen Oberröcken und in ihren hohen schwarzseidenen Mützen und langen Stiefeln bald auf. Die älteren tragen lange Bärte. Alle zeigen hagere, scharf ausgeprägte Gesichtszüge.

Aus: August Ambrassat, Die Provinz Ostpreußen, Königsberg 1912

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